16. & 18. September 2022
Sinnlich, lyrisch, sanft schwebend und meditativ kreisend, sich immer wieder steigernd, in kleine Ausbrüche mündend: Die klangliche Welt Lili Boulangers (1893 – 1918) ist intim und innig, lebendig und perlend, in grossen Bögen gestaltet und stets tief empfunden.
Musik Lili Boulangers
mit dem Kammerchor C21
und Tomas Dratva, Klavier
und Ursina Patzen, Mezzosopran
Reservationen unter reservation@chor-c21.ch
Schon allein die Titel der Werke von Lili Boulanger (1893–1918) sind voller Poesie und assoziativ, als würde man sich durch eine Ausstellung mit Bildern bewegen: La source, D’un vieux jardin, Soleils de septembre. Der Entscheid, diese selten aufgeführte Musik als Serenade im Spätsommer im besonderen Ambiente des Schloss Lenzburg aufzuführen, hat sich durch diese Bildhaftigkeit geradezu aufgedrängt. Der Pianist Tomas Dratva spielte ausserdem die Trois morceaux pour piano. Die Schlüsselwerke des Konzertprogramms Hymne au soleil und Soir sur la plaine sind 1912/13 entstanden, der Phase in Lili Boulangers Leben, in der sie sich für den Prix de Rome bewarb und diese Auszeichnung mit nur 19 Jahren als erste Frau überhaupt auch gewann.
Lili Boulanger wurde in eine Musikerfamilie hineingeboren. Ihr Vater Ernest Boulanger, bei Lilis Geburt bereits 77 Jahre alt, war gestandener Komponist, Rompreisträger, Dirigent und schliesslich Professor für Gesang am Pariser Conservatoire. Dort lernte er auch Lilis Mutter, die Sängerin Raissa Mytchetsky, kennen. 1887 kamen Nadia Juliette und 1893 Marie-Juliette Olga, genannt Lili, zur Welt. Lilis Gesundheit war nach einer frühkindlichen Infektion zeitlebens fragil. Sie besuchte zwar zunächst mit ihrer älteren Schwester Kompositionsstunden am Pariser Conservatoire, musste aber ihre Ausbildung wegen längerer Sanatoriumsaufenthalte immer wieder unterbrechen. Im Jahr 1913 gewann sie mit ihrer Kantate «Faust et Hélene» den Prix de Rome und damit ein Stipendium sowie einen mehrjährigen Künstleraufenthalt in der Villa Medici in Rom. Das Urteil zugunsten Lilis war bemerkenswert: Die Jury votierte mit einer überwältigenden Mehrheit von 31 gegenüber 5 Stimmen für die junge Frau.
Der Aufenthalt in Rom wurde jedoch nicht nur durch gesundheitliche Probleme überschattet, sondern endete bereits mit der Generalmobilmachung Italiens im August 1914. Lili Boulanger kehrte nach Paris zurück und arbeitet karitativ, indem sie u.a. mit musikalischen Soldaten Briefkontakte führte oder deren im Feld entstandenen Werke korrigierte.
1916 wurde Lili Boulanger von ihren Ärzten eröffnet, dass ihr nur noch wenig Lebenszeit blieb. In dieser Phase entsprang ihrer tiefen Religiosität unter anderem der Psaume XXIV (Psalm 24). Diese Vertonung – mit einem unglaublich lebensbejahenden Impetus – hat als einzige geistliche Komposition Eingang in unser Programm gefunden, das ansonsten geprägt ist von lyrischen Naturbildern.
C21 sang bereits im Mai 2019 zusammen mit den Aargauer Vokalisten und argovia philharmonic Lili Boulangers symphonischen Psalm «Du fond de l’abîme» (Psalm 130) und tauchte nun zusammen mit Tomas Dratva am Klavier und der Mezzosopranistin Ursina Patzen in die kammermusikalische Welt dieser aussergewöhnlichen Komponistin.
Alma Schindler (1879–1974) wuchs ebenfalls in einem Künstlerhaus in Wien auf und erhielt mit 21 Jahren Kompositionsunterricht bei Alexander Zemlinksy. Kurz darauf heiratete sie Gustav Mahler, der ihr das Komponieren untersagte, wie Alma in ihren Erinnerungen überlieferte. Erst 1910 liess Mahler Fünf Lieder seiner Frau drucken. Alma Schindler-Mahler nahm in späteren Jahren das Komponieren zwar nicht mehr auf – weitere, ebenfalls früher entstandene Lieder erschienen aber im Druck. Im vorliegenden Programm erklingen einige dieser expressiven Miniaturen – und kontrastieren die impressionistisch geprägte Musik Boulangers in dunklerem Klangbild, das insbesondere harmonisch ganz andere, ebenfalls neue Wege in Richtung Moderne suchte.
Michael Schraner, musikalische Leitung C21


